Zum Glück bin ich (k)ein alter Mann…

Erklärung: Der folgende Beitrag ist sehr polemisch, streckenweise fast albern und sicherlich nicht böse gemeint, aber nachdem ich sonst überall nur ein halbherziges: „Hast ja recht…“, ernte, versuche ich es an dieser Stelle einmal anders. Besonders die mathematische Auswertung ist teilweise derart brutal genähert und vereinfacht, dass es mich als Physiker einige Überwindung kostet, über ein so ernstes Thema nicht in völligen Klamauk ab zu rutschen.

Gestern sind mir beim Durchlesen der neuen CQDL fast wieder die grade frisch nachgebauten Zähne aus dem Kiefer geflogen, weil dieser ungebremst gen Tischplatte klappte. Ich meine: Ja, ich weiß, dass wir im Amateurfunk da ein kleines Problem haben, aber dass es so heftig ist, hätte ich nun wirklich nicht erwartet. Worum es überhaupt geht? Ums Alter. Genauer um das Alter der Funkamateure in Deutschland. Die Bundesnetzagentur hat anhand ihrer internen Datenbanken, eine rudimentäre Altersstatistik der Funkamateure in Deutschland herausgegeben. Und so viel sei gleich gesagt: Die Zahlen sind mehr als nur alarmierend. Im Folgenden werde ich meine eigenen Aufbereitungen dieser Zahlen präsentieren. Wer gerne die originalen Zahlen der Bundesnetzagentur sehen möchte, der wird hier fündig. Der entsprechende Text in der CQDL 5-2016 findet sich auf Seite 6.

Gleich an dieser Stelle: Ich habe nichts gegen alte Menschen, bei Leibe nicht, ganz besonders nicht im Amateurfunk und da gibt es auch kein „aber“. Ich selbst bin Teil eines OVs, dessen Altersdurchschnitt über 60 liegt und ich habe dort eine Menge toller Menschen getroffen, die zum Teil noch einmal weit über dem Alterdurchschnitt liegen. Diese Menschen haben mich in vielerlei Hinsicht (auch materiell) unterstützt und haben es verdient, hier mehr als lobend dargestellt zu werden. Aus Rücksicht auf die Privatsphäre nenne ich hier weder Namen noch konkrete Rufzeichen.

Nun zu den Zahlen. In der obigen Abbildung sehen Sie für die Jahre 2014 und 2016 ein Histrogramm des Alters der in Deutschland „gemeldeten“ Amateurfunker. Der Mittelwert des Alters liegt bei 57,9 Jahren. Das liegt schon mehr als 10 Jahre über dem Bundesdurchschnitt, der 2013 für Männer bei 42,8 Jahren und für Frauen bei 45,5 Jahren lag (Quelle: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung). Die Amateurfunker sind also als Gruppe in Deutschland eindeutig alt. Das wäre an sich kein Problem, wenn man annimmt, dass man zwar leicht bis zum Ende seines Lebens Amateurfunker sein kann, die Hürde der Prüfung, aber einen Einstieg eben erst diese 10 Jahre nach der Geburt eines Menschen überwindbar scheint. Die jüngsten Lizensierten sind in Deutschland 11 Jahre alt. Aber die Zahlen verraten noch mehr, und was nun kommt ist grausig.

Wir werden weniger. Die Zahlen sind deutlich: 2014 waren es noch 73406 Amateurfunker, 2016 lediglich 67370, damit haben wir binnen zwei Jahren 6036 OMs und YL weniger in unserer Reihen. Das sind fast 10% Netto Verlust. Sollte sich dieser Trend so fortsetzen, werden wir in 24 Jahren ausgestorben sein. Klar, das macht so keinen Sinn, denn in 24 Jahren bin ich selbst noch nicht einmal beim jetzigen Durschnittsalter und die Lebenserwartung in Deutschland suggeriert, dass unsere heute 11jährigen Funker in 70 Jahren noch gut und gerne QRV sein können. Das ist aber nur ein einziger. Und da drückt der Schuh. 2016 haben wir gerade einmal 101 minderjährige Amateurfunker in Deutschland. Selbst wenn wir unter 30 „nachsehen“ sind es gerade einmal 1662. Rein optisch wird beim Vergleich der Zahlen von 2014 und 2016 deutlich: Nach „hinten“ hin verlieren wir ganz natürlich einige der Funker und in diesem Alter ist auch wenig Nachwuchs zu erwarten. Die Betonung liegt auf wenig, denn in unserem OV findet sich z.B. ein Herr, der trotz eines Alters über dem hier diskutierten Durchschnitt, den Weg zur Lizenz beschreitet. Es gibt sie, doch es sind eben…. wenige. Im Altersbereich von ca. 30 bis 50 Jahren, zeigt sich ein etwas anderes Bild, die Kurven sehen fast aus, als habe man sie einfach um zwei Jahre gegeneinander verschoben. Was die fortschreitende Zeit und damit das Alter ja auch getan hat. Die große Masse der Funkamateure, wandert also langsam in Richtung der durchschnittlichen Lebenserwartung eines bundesdeutschen Staatsbürgers. Klar, es gibt Nachwuchs. Wie auch der Artikel in der CQDL betont, steigen die Zahlen der neuen Lizenzen in den letzten Jahren deutlich an. Doch wenn man sich die nackten Zahlen betrachtet und dabei davon ausgeht, dass niemand seine Lizenz zurück gibt, und nur der Tod uns vom Funken abhalten kann, dann sieht man, was die Gesamtsummen ja schon verraten haben: Es reicht hinten und vorne nicht. Im Alter von unter 53 sind in diesen zwei Jahren nur 1260 Menschen zu uns gestoßen, und im Alter über 53 haben wir fast 7300 YLs und OMs verloren.

In entsprechenden (CQDL-) Artikeln, lese ich immer wieder nur „begeisterte“ Meldungen, dass die Zahlen der Neuzulassungen und Ausbildungsrufzeichen zunehmen. Man redet hier davon, dass im Vorjahr 997 Prüflinge in einem Jahr ihre Lizenz gemacht haben. Selbst wenn das alles neue Leute wären ist das nichtmal ein Drittel unserer Verluste (7300 YLs und OMs in zwei Jahren). Soweit ich das lese, wird hierbei aber noch nichtmal herausgerechnet, wie viele davon „““nur“““ von Klasse E auf A aufgestockt haben, also längst Amateurfunker sind, wie ich zum Beispiel. Dramatische Zahlen wie die obigen werden in einer Kurzmeldung unter „Nachrichten“ abgehandelt. Überall höre ich ständig von 80.000 Amateurfunkern in Deutschland, aber wir sind im Moment deutlich unter 70.000. Ich weiß nicht, ob die meisten einfach die Augen zu machen und laut LALALA singen, oder ob es Ihnen egal ist, aber ich frage mich wie viele der 3184 Ausbildungsrufzeichen in den letzten Jahren auch wirklich ausgebildet haben? Wie viele OMs und YLs haben Zeit investiert, um mal jemand Neuem etwas zu erzählen, erklären oder zeigen? Gewiss, wir haben „Helden der Ausbildung“ wie Eckart Moltrecht, der ohne Frage Großes geleistet hat, aber es kommt sicher nicht von ungefähr, dass im Ausbildungsreferat des DARC einiges im Argen zu sein scheint. Ich will mich nicht nur am Gejammer beteiligen, ich will auch keine Gerüchte in die Welt setzen, sondern ich will was tun. Und selbst dafür interessiert sich wohl niemand. Ich habe mich bereits an diverse Stellen gewandt und meine Bereitschaft deutlich gemacht, an größeren Projekten mit großen persönlichem Einsatz mitzuwirken. Aber niemand hat wirkliches Interesse gezeigt. Nun gut, also tue ich alleine so viel ich alleine eben kann.

Ich trage fast überall gut sichtbar meine EDC Ausrüstung umher, stelle Antennen auf und investiere lieber die Zeit, den Passanten Ihre Fragen zu beantworten, als einer DX Station hinterher zu jagen. Ich schreibe diesen Blog und ich stehe jederzeit gerne mit meinem Ausbildungsrufzeichen zur Verfügung. Ich versuche den Amateurfunk an die Uni zu bringen und in das Bewusstsein der Leute. Aber vor allem müssen sich die Amateurfunker bewusst werden was hier grade passiert. Das ein gewisses Alter im statistischen Mittel mit einer konservativen Haltung korreliert ist sicher weder schlimm noch unbekannt. Dass aber an manchen Orten im Amateurfunk neue Technologien wie C4FM und andere digitale Standards bekämpft werden, dass Amateurfunker den Fortschritt entweder ignorieren oder ihn sogar bekämpfen, dass will mir nicht ins Hirn. Genauso wird mir nicht klar, wieso sich grade unsereins den Möglichkeiten die Internet und Telefon bieten verschließt und oder sie sogar verteufelt. Mit einem SmartPhone kann jeder mit wenig Aufwand PSK31, JT65, APRS oder RTTY machen. Mit einem SmartPhone kann man Relais Fernsteuern, Echolink nutzen und Relaislisten abrufen. Natürlich ist nicht alles was neu ist automatisch gut, ich selbst bin jedes Mal enttäuscht wenn ich lese oder höre „only eQSL.cc or LoTW“. Trotzdem: Wenn wir in 20 Jahren noch ausreichend Gegenstationen für einen Contest oder eine DXpedition haben wollen, dann müssen wir was tun. Jeder ein bisschen.

Dass Amateurfunk interessant ist und unglaublich viel zu bieten hat, wissen wir alle. Aber der absolute Großteil der Menschen da draußen weiß das nicht. Jeder weiß, dass es Sportvereine gibt, Schachclubs, Tierschutzvereine oder Modeblogs. Aber von Funk weiß kaum einer etwas. Und das in einer Zeit, in der 90% der Menschheit ohne ihr digitales Funkgerät nicht mal zum nächsten Bäcker finden. Wir müssen aufhören uns zu verstecken, denn noch haben wir die Chance, gesehen zu werden. Noch sind wir genug, um jedem einen Anlaufpunkt zu bieten. Wenn wir erst soweit sind, dass man zum nächsten OV oder der nächsten (Club-)Station 2h fahren muss, haben wir sicher längst verloren. Und wir verlieren. Etwa 3000 Menschen pro Jahr.

Also: Finger aus der Ohren! Aufhören LALALA zu singen! Amateurfunk publik machen! Die Probleme offen ansprechen! Einen Anlaufpunkt bieten! Moderne Medien nutzen. Infrastruktur modernisieren! Traditionen pflegen! Und vor allem: Selbst den Spaß nicht verlieren!

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